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skowa Kommunikationsdesign

  Peter  
Bildinformation
Bildname: Peter
  Entdecker: Skowa
Monat: Januar | Jahr: 2003   Fundort: Bonn, Beuel
Land: Deutschland   Fluß/Gewässer: Rhein   Fluß-Kilometer: 654
  Flußseite: rechtsrheinisch
Schuhart: Männerschuh   Schuhseite: linker Schuh
Beschreibung:
Männerhalbschuh mit seitlicher Schnalle
Hits: 5490 | Rating:   7.76 bei 21 Votes | Bild kommentieren! Bild kommentieren!
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4 Kommentar(e):

tbausen (1) vom 30.10.2003
Phantastisch gute Augen muss der Entdecker dieses gut getarnten Schnallenschuhes gehabt haben.

Schade, dass nicht erwähnt wurde, ob der Schuh bei Sonnenaufgang oder -untergang gezeigt wird.
Skowa (9) vom 14.11.2003
Der Schuh wurde an einem späten Sonntagnachmittag bei herrlichem Wetter mit einer schon absinkenden Sonne fotografiert.
susistarfish (1) vom 15.07.2005
Nach diesem kompetent wirkenden Schnallenschuh ist mein Freund benannt: Peter. Schon allein deshalb ist es mein Lieblingsschuh. Er sollte sich mit dem schwarzen Damenstiefel Susanne paaren.
aStaiss (1) vom 12.09.2006
PETER

1

Peter kam in Brünn zur Welt. Er hatte Schuhgröße 43 und war schwarz.
Sein Schöpfer, Pjotr Lugaijew, Sohn russischer Einwanderer der 4. Generation, hatte nach seiner Ausbildung zum technischen Zeichner mangels Stellung eine Weile in Pistyan bei einem chinesischen Einwanderer der 1. Generation in der Gastronomie ausgeholfen. Diesen job hatte er aber geschmissen, weil er Fettgeruch einfach nicht mehr ausstehen konnte. Genau genommen wurde er geschmissen, weil er das Essen ständig mit einem vom Würgen tief geröteten, gen Ermittelpunkt gerichteten Gesicht servierte. Danach arbeitete Pjotr in Pressburg einige Monate bei einer östlichen Hotelkette als devoter Türsteher, dann als höflicher Limousinenöffner und zuletzt – aus schlichter Geldnot – als Austauschtänzer in einer verbotenen schwulen Walzerbar.
Wenige Wochen später ging er nach Brünn. Dort gab es eine Schuhfmanufaktur und eine offene Stelle. Die pflichtbewusste Erfüllung seiner jobs hatte ihn dazu genötigt, ständig nach unten zu schauen. Das stand seinem Charakter zwar ganz entgegen, aber da es auch auf dem Boden immer etwas zu sehen gab – z.B. bekleidete Füße – hatte Pjotr sich eine selten gründliche Kenntnis über Schuhe angeeignet. Das spürte er. Der Personalchef der Schuhmanufaktur auch. Pjotr wurde eingestellt und erhielt ein Büro mit großen Fenstern im 3. Stock. Peter war Pjotrs erstes Werk.
Peter bekam von Anfang an ein Spiegelbild seiner selbst zur Seite gestellt, denn Pjotr wusste zum einen, was sich gehört und zum anderen um das schöne Gefühl, in der Welt einen Kompagnon zu haben. Mützen und Schlipse z.B. haben diesbezüglich ein traurigeres Dasein.

Als Peter gerade zwei Tage alt war, wurden er und sein Spiegelbruder in einem Karton mit Seidenpapier mit einer LKW-Spedition nach Deutschland geschickt. Ein inniges Lebewohl von Pjotr begleitete sie.
Die Ankunft war am 7. Mai 2002: Bayreuth, Schuhhaus Fronwein. Familienunternehmen, ansässig seit 1932. Einrichtung 1986 vollständig renoviert von Markus Fronwein. Zwei Angestellte, Frau Elfi Hagedorn, in Bayern gestrandete Fachkraft aus Westfalen und Belinda. Einen Tag nach Peters Ankunft positionierte Frau Hagedorn Peter in Absprache mit Herrn Fronwein als Beispiel der neuen Herbstkollektion (Spekulatius gibt es auch schon Ende August) in dem Präsentationsregal am Eingang linker Hand, Herren 43, das heißt, dritte Reihe von oben – kein schlechter Platz! Sein Spiegelbruder musste allerdings im Lager bleiben.
Peter erwartete die Nacht erstaunt und lukte kraft seiner Schnalle in den Raum. Die Damen standen gegenüber. Von 37 bis 43 war es eine herrliche Auswahl: rote, grüne, blaue, braune, bicolore und zu seinem Entzücken auch sehr viele schwarze, von denen ihm eine sofort besonders auffiel.
„Ey du“ sagte eine tiefe Stimme neben ihm „mach dir keine Hoffnungen, die in deiner Größe sind alle aus zähem Leder.“
„Und was ist mit den kleineren?“
„Alles meine.“
Peter schielte durch seine Schnalle nach rechts. Da stand ein brauner Kerl mit zu einer Rosette angeordneten Löchern in der Nase und sechs Augen, durch die sich ein Schnürsenkel zog. An der Stirn zierte ihn eine von Belinda erfundene, doppelt gedrehte Schnürsenkelschleife.
„Bis du hier der Ladenhüter?“
„Du sagst es: ich bin der Chef.“
„Chef-? Wovon?“
„Von den Damen, du Depp. Und von dem ganzen Laden überhaupt.“
„Ach was. Und was macht man so als Chef von diesem ganzen Laden?“
„Kontrollieren und die Fräuleins in Schach halten, solange sie hier sind.“
„Gehen die denn weg?“
„Oh Mann, immer dasselbe Problem mit den neuen Kollektionen. Dir hat natürlich auch niemand gesagt, was du als Schuh zu tun hast, was? Da kommen die Frischlinge und wissen nicht, was Sache ist. Und mit denen muss man sich dann das Regal teilen!“
„Was ist denn Sache?“
„Du wirst verkauhauft! Alle werden verkauft. Fast alle.“
„Verkauft? An wen denn?“
„Hier…“ der braune Kerl reichte Peter, ohne ihn anzusehen, einen Zettel „...lies. Da steht alles drauf, was man als Schuh so wissen muss. Haben wir in einer „Mir-reicht-es-jetzt-aber-Aktion mal zusammengefasst.“
„Wer wir?“
Peter bekam keine Antwort. Aber er hatte auch keine Lust zu lesen, denn er musste einfach noch einmal zum Regal gegenüber schauen. Da stand seine ganze reizende 38er-Dame in Schwarz mit spitzem Näschen und schlankem Fuß. Ihr Auge war ein Silberblümchen aus Strass und warf das kühle Licht der Straßenlaterne als warme Glitzersterne auf ihn zurück. Je mehr Peter in diese schaute, umso wohliger wurde ihm und schließlich fing seine Schnalle vor Rührung an zu tränen, bis ein Tropfen das Regal herunterfiel.
„Ich kann dich gut verstehen,“ sagte nun leise eine Stimme von links. „Lucinda. Die wird nicht lange bleiben.“
„Lucinda?“ flüsterte Peter ergriffen.
„Seit gestern hier.“
„Was weißt du von ihr?“
„Nicht viel, außer dass sie aus Italien ist.“
„Aus Bologna?“
„Keine Ahnung.“
„Und wieso bleibt sie nicht lange hier?“
„Weill sie bestimmt schnell verkauft wird.“
„Verkauft? Aber an wen denn?“
„An Frauenfüße.“
„Wer ist denn Frauenfüße?“
„Das sind Füße von Frauen natürlich, ist doch ganz einfach: Frauen kaufen sich Schuhe für ihre Frauenfüße. Männer für ihre Männerfüße. Weißt du das nicht?“
„Nein.“
„Hier, es gibt hier einen Zettel…“
„Danke, hab ich schon.“
„Aber noch nicht gelesen! Also kurz: du wirst von einem Mann gekauft. Der trägt Dich durch die Welt und wenn du alt bist, kommst du auf den Müll oder - wenn du Glück hast – auf den Flohmarkt.“
„Und das geht allen Schuhen so?“
„Eigentlich ja – aber es gibt auch ein paar Spezialos hier,“ er schielte über Peter hinweg zu dem Braunen, „instore slippers - not-movings“ Links beendete diesen Satz mit einem unterdrückten Geräusch, ähnlich einem kurzen Schweinegrunz.
„Lucinda ist kein not-moving.“
„Mit Sicherheit nicht“ pflichte Links bei „und du musst dich beeilen, wenn du sie kennen lernen möchtest. Es gibt hier im Laden nämlich nur eine Chance: Man braucht einen Menschen, der einen anzieht und bis zum Damenregal Probe geht.“
„Aber der Braune rechts neben mir behauptet, er wäre hier der Chef und -“
„Pssst! Doch nicht so laut!“
„Der hat sie nicht alle, stimmts?“ flüsterte Peter zurück.
„Der“ raunte die Stimme von links, „heißt Hugo und hat eine Dauerwette mit der Hagedorn. Immer, wenn eine neue Kollektion geliefert wird, wetten die beiden, welcher Schuh als erster verkauft wird. Gewinnt sie, kommt Hugo ins Lager zurück. Gewinnt er, bleibt er hier stehen und sie ist gezwungen, ihn einmal in der Woche nach Ladenschluss anziehen und mit ihm zum Damenregal gehen…“
„Aber das ist ja widerlich!“
„Leise! …und sie muss ihn eine Stunde drüben lassen.“
„Was??!!“
„Sei doch leiser!!! Hugo hat damals vor sieben Jahren, als er hier ankam, die Hagedorn im Lager beobachtet, wie sie ein Paar weiße Damenschuhe mit einem wasserlöslichen Kugelschreiber angemalt hat, nur damit die Ware aussortiert werden würde und sie die Schuhe günstig erstehen konnte. Fronwein hat den Betrug nicht bemerkt und seitdem droht Hugo, sie zu verraten. Entweder sie wettet oder sie geht.“
„Hat sie die Wette schon mal gewonnen?“
„Nein.“ antwortete Links düster.
„Wie heißt du eigentlich?“
„Karl, und du?“
„Peter. Wie lange bist du schon hier?“
„Etwa vier Monate. Ich würde gerne von einem Tschechen gekauft.“
Peter war, als würde es um ihn heller.
„Von einem Tschechen?“ fragte er erfreut. „Wie kommst du gerade darauf? Ich bin aus Tschechien!“
Auch Karls bisher monotone Stimme bekam eine fröhliche Tomkurve: „Du bist aus Tschechien! Woher genau?“
„Aus Brno.“
„Oh, das ist zu weit weg.“
„Zu weit weg wovon?“
„Karlovy vary.“
Bei Peter klingelte es: „Karlsbad. Du willst nach Karlsbad, weil du Karl heißt, stimmts?“
„Ist das schlimm?“
„Nicht sehr. Ich würde nur nicht auf die Idee kommen, mich ausgerechnet von einem Russen kaufen zu lassen, nur um nach Petersburg zu kommen.“
„Was würdest du denn an meiner Stelle tun?“
Peter betrachtete nun endlich seinen linken Gesprächspartner. Karl war ein dunkelblauer Schweinslederslipper mit Schmuckmarinesenkel und beiger Steppgarnitur.
„Such dir einen deutschen Rentner.“
„Meinst du?“
„Ja. Der fährt dann nach Karlsbad zur Kur und nimmt dich mit.“
„Weil ich neu bin.“
„Genau. Und schick.“
„Danke.“
Es folgte eine kurze Pause.
Dann fragte Peter: „Sag mal, wie geht das nun, sucht sich ein Mensch uns aus oder suchen wir uns einen Menschen aus?“
„Eigentlich werden wir ausgesucht. Aber siehst du den großen Hellbraunen da zwei Reihen schräg unter uns?“
„Den fetten Wanderschuh?“
„Ja. Der steht seit zwei Jahren hier rum, weil er partout nur von Reinhold Messner gekauft werden will. Dabei hätte er schon zigmal über die Theke gehen können.“
„So ein Dicker hat so gute Chancen?“
„Wir sind in Bayern.“
„Und wie hat er es geschafft, dass er nicht verkauft wurde?“
„Er ist zwar völlig durchgeknallt, hat aber einen ziemlich guten Trick erfunden: Wenn er anprobiert hat wird, hält er die Luft an und macht sich ganz steif. Dann glauben die Leute, er ist unbequem und wollen ihn nicht. Die Hagedorn hat übrigens mal auf ihn gewettet.“
„Hast du das auch schon mal probiert?“
„Auf den zu wetten?“
„Nein, das mit dem Sich-unbequem-machen.“
„Ja, das klappt gut. Sonst wäre ich schon längst von so einem dusseligen Touristen nach Pforzheim entführt worden.“
Peter probierte es aus. Er hielt die Luft an und versuchte, so angespannt wie möglich zu sein. Er schaute hoch zur Ladendecke und spürte, wie sein Leder allmählich hart wurde. Dabei fiel ihm wieder Lucinda ein.
Die Straßenlaterne war aus, aber ihr Funkeln, obwohl es nicht mehr da war, konnte er immer noch sehen. ‚Lucinda, Lucinda’ sang er in Gedanken ‚morgen, morgen komme ich – dann bin ich da!’ Er hauchte einen Kuss in die Dunkelheit und die Aussicht auf den kommenden schönen Tag entspannte ihn wieder.
„Karl, weißt du was?“
„Nein.“
„Ich bin müde.“
„Ist gut. Ich auch.“
„Schlaf gut, Karlovy.“
„Du auch, St. Petro.“


2

Die Morgensonne schien auf die ausgefahrenen orangefarbenen Markisen vor den Fenstern des Schuhgeschäftes und tauchte den Verkaufsraum in ein warmes, dämmriges Licht.
Frau Hagedorn hatte etwas anderes im Blick: „Beliiiiindaaah!
Belinda erschien gelassen aus dem Hinterzimmer und blieb in der Tür stehen.
„Belinda, haben Sie wieder diese unsägliche Schleife an Hugo gemacht? So wird der doch nie verkauft.“
„Aber der geht doch sowieso nicht mehr weg – so wie der aussieht.“
„Das lassen Sie mal getrost meine Sorge sein.“
Belinda sah Elfi Hagedorn zu, wie diese Hugo nervös wieder in den Normalschleifenzustand versetzte.
„Jetzt zu den Festspielen sind wieder so viele Touristen hier, vielleicht wird sich ja endlich mal ein Kunde für ihn finden.“
‚Hoffentlich einer mit Schweißfüßen und Synthetiksocken.’ dachte Belinda, da stand auch schon ein potentieller Käufer in der Tür. Ungefähr einsfünfundsechzig groß, haarlos, zumindest auf dem Kopf. Um das Doppelkinn herum stand ein Stoppelfeld. Sein Anzug, Größe 54einhalb, war vanillebeigefarben und etwa so alt wie Hugo, aber weitaus öfter getragen. Sein Kopf war rot, diese Coloration wurde durch das Dämmerlicht im Laden noch verstärkt. Er versuchte ein Lächeln.
„Guten Morgen.“ traute sich Belinda.
Der Mann entschied sich für Frau Hagedorn: „Schöner Tag heute, nicht?“
„Ja, ganz herrlich, was kann ich für Sie tun?“
„Ich suche ein Paar neue Schuhe, bin ich hier richtig?“
Elfi lachte nicht, sondern antwortete: „Goldrichtig. Ihre Größe?“
„43.“
Peter hielt schon mal die Luft an. Karl auch.
„Was zum Wandern oder was für die Stadt oder was für den Abend?“
„Was für die Stadt.“
„Also Halbschuh?“
„Nein, Ganzschuh.“
Frau Hagedorn kriegte süßliche Mundwinkel: „Davon haben wir auch sehr viele.“
„Na, das trifft sich aber gut. Scherz beiseite – Halbschuh.“
„Slipper oder Schürschuh?“
„Weiß ich noch nicht, kommt darauf an.“
„Farbe?“
„Braun.“
„Uff…“ japste es aus dem Regal.
„Da könnte ich Ihnen…“ Elfi ging gemächlich mit süffisantem Lächeln auf Hugo zu „z.B. diesen hier zeigen.“
Elfi Hagedorn nahm Hugo mit beiden Händen aus dem Regal, drehte sich langsam mit ihm zum Kunden um und versuchte, ihre Stimme in Schach zu halten: „Probieren Sie doch den mal.“
Glatze setzte sich folgsam auf die Kunstlederbank. Er zog seinen braunen Freizeitschuh aus und stülpte Hugo über seine mittelblaue 5-Tage-Socke.
„Kennt Hugo den Steifmachtrick?“
„Keine Ahnung.“
„Passt!“ fand Glatze.
„Sie müssen noch Probe gehen, aber bitte hier entlang.“ Elfi wies bestimmend zur Tür. „Im Tageslicht können Sie nämlich auch die Farbe am besten sehen.“
Hugo wurde also weit am Damenregal vorbei nach draußen getragen und kam gleich wieder zurück.
„Nicht schlecht. Könnte ich auch den zweiten mal haben?“
„Belinda?“
Belinda war schon längst im Lager.
„Was soll der Schuh überhaupt kosten?“
„59 Euro 90.“
„Uiuiui.“ Das Rotgesicht schaute missbilligend. „Das ist aber nicht gerade ein Schnäppchen.“
„Ein Schnäppchen ist DER sowieso nicht.“
„Etwa ein Ladenhüter?“
‚Wow’ dachte Hugo stolz ‚der Kerl ist goldrichtig. Der hat die Sachlage hier gleich erkannt.’
„Nein, nicht doch, so meinte ich das nicht, er ist, wie soll ich sagen…“
Belinda rettete die Situation mit dem Eintreffen von Hugo II.
„Hier, hier ist der zweite.“
Die Socke am zweiten Fuß roch nicht besser als die erste und hatte zudem ein Loch. Glatze beeilte sich mit dem Anprobieren. Er stand auf, ging einen Schritt vor, einen zurück, schwitzte und setzte sich gleich wieder. „Ich glaube, ich lass den gleich an.“
„Heißt das etwa, Sie wollen den Schuh kaufen?“ fragte Elfi ungläubig und bekam Kulleraugen.
In den Regalen ringsum keimte Frohlocken auf.
„Nein.“
Das Frohlocken erstarb.
„Ich hätte gerne beide Schuhe, hahaha – kleiner Scherz. Aber wir müssen noch über den Preis reden.“
„Kein Problem!“ mischte sich Belinda ein. „Was wäre Ihnen der Schuh denn wert?“
Rotgesicht sah Elfi Hagedorn an: “Was ist er Ihnen denn wert?“
Die mache den Mund auf und langsam wieder zu. Mit DEM Betrag wäre Herr Fronwein bestimmt nicht zufrieden.
„Zehn Euro.“ sagte Belinda.
„O.k.“
„Zehn Euro weniger meint sie.“
„Ich guck mal einfach, wie viel ich dabei habe.“ Er zog seine speckige Brieftasche hervor. „Oh, das ist mir jetzt aber peinlich. Ich habe nur 20 Euro mit. Was können wir denn jetzt machen?“ Glatze schaute die Damen mit seinen kleinen Schweinsaugen mitleidserregend an. „Ich bin bereit, neunundvierzigneunzig zu zahlen. Aber mit meinen alten Schuhen da kann ich mich gleich“ er schaute auf seine dicke Armbanduhr „in 10 Minuten unmöglich mit Frau Wagner, Sie wissen schon, treffen.“
Belinda und Elfi Hagedorn sahen sich an.
„Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich lasse die 20 Euro als Anzahlung da und komme heute Abend wieder vorbei, um den Rest zu zahlen. Als Pfand lasse ich Ihnen meine alten Schuhe hier. Mmh?“
„Ja, sagt doch ja!“ flehte Karl.
„Tja,“ Frau Hagedorn atmete tief durch. „Tja, wenn das so ist, könnten wir ja mal ganz vielleicht eine Ausnahme machen, was? Und Sie kämen heute Abend auch ganz bestimmt wieder?“
„Aber, meine Dame!“ Glatze stand auf und hob die Arme etwas an: „Sehe ich etwa unglaubwürdig aus?“
„Nein.“ log Belinda. „Und deswegen brauchen wir auch Ihr Pfand nicht.“
Und so verließ Hugo am 8. Mai 2002 um 10.17 Uhr in Begleitung von Schweinsaugens Freizeitschuhen das Schuhhaus Fronwein in Bayreuth.
Als der Kunde mit den Hugos verschwunden war, brach in den Regalen Jubel los.
„Du bist ein Glücksbringer!“ jauchzte Karl Peter zu. „Kaum bist du da, haut das größte Arschloch ab!“
„Ja.“ Peter atmete tief durch. „Schwein gehabt, aber vor allen Dingen sind die Damen nun befreit.“ Er schaute glücklich hinüber.
„Belinda, würden Sie hier bitte für ein paar Minuten den Laden alleine übernehmen? Ich brauche einen Kaffee.“ Elfi Hagedorn ging wackeligen Schrittes nach hinten.
Belinda widmete sich der Herrenregalreihe 43 und rückte die Schuhe so zurecht, dass niemand jemals auf den Gedanken würde kommen können, dass dort mal eine Lücke war.
‚Synthetiksocken – wow!’.


3

Elfi Hagedorn hatte sich zweieinhalb Tassen Kaffee rein gezogen und war wieder auf dem Posten. Als Belinda mal zum Klo war, legte sie 39 Euro 60 in die Registrierkasse. Damit war sie rehabilitiert.
„Mann,“ sagte Karl, „ich kann das noch gar nicht fassen – der Kerl ist weg, Hugo ist weg! Du bist echt ein Glück für uns!“
„Wenn ich mal nicht gleich auch der größte Pechvogel bin.“
„Wieso?“
„Na guck doch hin, wer da gerade hereingekommen ist!“
Eine junge, gut aussehende Frau mit offenen, langen blonden Haaren war in den Laden gekommen und stand vor dem Damenregal.
„Scheiße, Größe 38.“ bemerkte Karl.
„Ja, große Scheiße.“
„Kann ich Ihnen helfen?“ befliss sich Frau Hagedorn.
„Ich suche einen Abendschuh.“ antwortete die Blondine mit schwedischem Akzent. „In schwarz. Aber ich glaube, ich habe hier schon etwas gefunden.“
„Nein…“ stöhnte Peter.
Die Schwedin nahm Lucinda aus dem Regal: „Der ist ja soo hübsch. Den probiere ich gleich mal an.“
„Mach Dich steif!!!“
„Das kennt sie doch nicht.“ stellte Karl klar.
„Wie, das kennt sie nicht?“
„Den Trick kennen nur wir hier auf der Herrenseite oder meinst du, Hugo hat das denen beigebracht?“
Peter wurde flau, so oder so.
„War Hugo eigentlich drüben, als Lucinda schon da war?“
„Du meinst gestern?“
„Ist mir egal: war er da? Bei ihr?!“
„Lass mich überlegen – nein. Denn gestern war doch Mittwoch, oder?“
„Haben wir heute Donnerstag?“
„Wenn morgen Freitag ist?“
„Mach mich nicht wahnsinnig!“
„Reg Dich ab. Die Hagedorn musste Hugo immer montags rübertragen. Also hätte gestern auch ruhig dienstags sein können statt Mittwoch. Aber Moment, Lucinda ist ja heute schon seit vorgestern hier. Das macht also Mittwoch minus eins macht Dienstag oder Dienstag minus eins macht Montag.“
„Macht 90 Euro 50“ sagte Frau Hagedorn.
Die Schwedin bezahlte, nahm die Tragetasche mit den Lucindas von der Theke und drohte schon aus der Tür zu wandeln, da änderte sie die Richtung und ging auf das Herrenregal zu. Genau vor Peter und Karl blieb sie stehen.
„Lucinda,“ flüsterte Peter aufgeregt, “hörst du mich?“
Ein leises Stimmchen wisperte zurück: „Ja.“
„Ich liebe dich!“
„Ja wirklich?“
„Sie haben ja auch soo schöne Herrenschuhe, das muss ich unbedingt weiter erzählen.“ unterbrach die Schwedin den Dialog und winkte Frau Hagedorn beim Herausgehen noch mal zu.
„Wir sehen uns wieder!“ schrie Peter hinterher.
„Wie willst du denn das machen?“
Peter konnte Karl nicht antworten, so traurig war er plötzlich. Lucinda war weg und er hatte keine Ahnung, wie er sie jemals wieder finden sollte. Alle Kraft wich von ihm, er wurde unendlich schwer. Vor ein paar Stunden hatte das Leben noch so schöne Aussichten gehabt, jetzt war alles hin, sinnlos. Diese Erkenntnis zog ihn so runter, dass er auf der leicht schrägen Regaletage ins Rutschen geriet und schließlich auf den Boden fiel. Karl blickte sorgenvoll hinterher. Peter lag kopfüber.
In dieser Stellung fand ihn in paar Minuten später eine Stammkundin. Da weder Frau Hagedorn, noch Belinda im Verkaufsraum waren, stellte sie Peter in Eigenregie wieder in das Regal, allerdings 2 Reihen tiefer neben Reinhold Messners Wanderschuh.

Neben dem dicken Kerl fühlte er sich noch kleiner.
„Schlecht drauf?“ fragte der Wanderschuh.
„Was dagegen?“
„Du hast Schiss, dass du sie nicht wieder siehst.“
„Schiss ist gar kein Begriff! Schiss ist was für die Hasen. Ich leide!“
„Dann leide erst mal ein bisschen. Ich sag dir später was dazu.“
„Ich leide nicht ein bisschen, ich leide sehr. Außerdem dauert das länger, nämlich ewig. Und du brauchst mir gar nichts dazu zu sagen, du hast ja sowieso keine Ahnung.“
Wanderschuh schwieg verständnisvoll.


4

Wanderschuh sah zu, wie Belinda die Ladentür schloss und Elfi Hagedorn die Kasse machte.
„Ohhh,“ stöhnte Belinda und streckte sich „das war wieder ein Tag. Gut, dass jetzt Feierabend ist.“
Sie stellte sich vor den Ladentisch: „Stimmt denn eigentlich die Kasse…?“
Elfi glaubte, einen ironischen Ansatz in der Frage bemerken zu können, antwortete aber souverän: „Herr Fronwein kann zufrieden sein.“
„Na, Hauptsache. Ich geh dann.“ Frau Hagedorn ging bald darauf auch.
Jetzt war Wanderschuhs Moment gekommen. Er schraubte die Kappe seines Absatzes ab und holte ein kleines Funkgerät hervor.
„Entschuldigung“ sagte er zu Peter, „ich brauche hier mal etwas Platz.“ und machte Bewegungen, die Peter dazu nötigten, etwas nach links zu rücken. Dann baute Wanderschuh eine kleine Basisstation zwischen sich und Peter auf und steckte winzige Stecker in winzige Buchsen.
„Hallo Schniffel, kannst du mich hören?“ sagte Wanderschuh in ein Minimikrophon. Es folgten nur Pfeifgeräusche aus dem Apparat. Wanderschuh drehte an einem Regler.
„Hallo Schniffel, kannst du mich hören?“
„Ja, hier Schniffel, Wilfried, bist du das?“
„Wo seid ihr?“
„Zu Hause, wo sonst?“
„Ist Tante Edelgard auch da?“
„Ja.“
„Was macht ihr?“
„Video gucken.“
„Und was?“
„Louis Trenker.“
„Das heißt, ER schläft?“
„Ja.“
„Ich muss Schluss machen, bis morgen, schlaf du auch gut!“
„Ja, du auch.“ – „Wilfried?“
„Ja?“
„Wir schaffen das!“
„Na klar schaffen wir das!“
Wanderschuh baute die Basisstation ab. „Jetzt kannst du dich wieder breit machen.“ sagte er zu Peter.
„Darf ich dich mal was fragen?“ fragte dieser.
„Aber nur, wenn das weniger als ewig dauert.“
„Wie hast du da gerade mit jemandem gesprochen?“
„Na, hast du doch gesehen – mit einem Funkgerät.“
„Aber das war in deinem Absatz?“
„Wenn ich es hier im Regal deponieren würde, könnte das doch jeder.“
„Und wer ist Schniffel?“
„Hör mal, mein Lieber, ich habe dich hier freundlich neben mir aufgenommen und zugelassen, dass du mich beschimpfst und jetzt willst du, dass ich hier die Auskunftei für Dich gebe. Findest du das nicht ein bisschen seltsam?“
„Entschuldigung. Ich heiße Peter…“
„Na, geht doch…und du kommst aus Tschechien, bist total verknallt in Lucinda und befürchtest, sie nie mehr wieder zu sehen.“
„Ja.“
„Ich, Wilfried, sag dir jetzt mal was dazu.“
„Ist o.k.. Sag.“
Wilfried holte tief Luft: „Ein Gipfel kann ein Ziel sein.“
„Und weiter?“
„Ein Ziel kann aber auch der Gipfel sein.“
„Na, und dann?“
Wilfried ließ die eingeholte Luft wieder raus. „O.K.. Für dich jetzt also in Kurzform: so hoch ein Gipfel auch sein mag - du musst fest wollen, dass du ihn erreichst, dann schaffst du ihn auch.“
„Aber ich will doch gar nicht wandern."
„Idiot. Ich hab doch vorhin gesagt, dass ein Gipfel ein Ziel sein kann und Dein Ziel ist es, Lucinda wieder zu treffen. Kapiert?“
„Ja, ja, der Gipfel ist das Ziel. Aber wo ist denn das bitte schön? In Togo? In einer Pommesbude? Auf dem Großglockner? Ich weiß doch gar nicht, wo sie hin ist!“
Wilfried seufzte. „Na, dann eben ganz anders. du hast doch mein Funkgerät gesehen? Damit kriegen wir was raus.“
Peter machte erfreute Augen: „Du würdest mir helfen? Mit dem irren Ding da? Warum?“
„Erstens, warum soll man sich unter Männerschuhen nicht helfen, wenn man sich nicht gerade auf den Senkel geht? Zweitens wirst du garantiert bald verkauft und dann könntest du etwas für mich tun.“
„O.k., gebont. Wie ist dein Plan?“
„Wenn es Nacht geworden ist, werde ich dich mit ein paar Sachen ausstatten. Du hast einen hohlen Absatz, da passt gut was rein.“
„Ich? Ich habe einen hohlen Absatz?“
„Ja klar, das habe ich gesehen, als du da auf dem Boden gelegen hast und ich habe es gehört, als die Kundin dich hierher stellte.“
Diese Neuigkeit traf Peter bis in das letzte Atom. Ein hohler Absatz, das war wie eine Mogelpackung. Er war wohlmöglich ein Sparmodell. Billigware. Lucinda würde das sofort merken. Am besten wäre es, sich von dem erstbesten Dahergelaufenen kaufen zu lassen. Ohne Luftanhalten. Gleich morgen.
Draußen gingen die Straßenlaternen an. Noch einmal holte er kurz Lucindas Glitzerfunkeln in seine Erinnerung zurück und machte sich damit bewusst, dass nun war alles vorbei war: Es gab kein Ziel mehr. Und mit dieser traurigen Gewissheit diliriuminierte er kraftlos in einen Dämmerschlaf.
Pjotr hatte sich bei dem hohlen Absatz allerdings etwas gedacht.

„Peter.“ flüsterte es. „Peter!“
Peter wurde wach, als ihm Wanderschuh in die Seite boxte. „Wach auf, es ist Zeit!“
„Mmmh?“
„Ich gebe dir jetzt ein paar Sachen!“
Wilfried stand neben ihm, hinter einem Berg von Zeugs.
„Was ist denn das alles?“
Wilfried präsentierte nicht ohne Stolz seinen Bestand: einen Höhenmesser, eine Sauerstoffmaske, eine Gasflasche, ineinanderstapelbare Töpfe, ein Multi-Funktions-Taschenmesser, ein Handy mit Jps-system, ein nachfüllbares Benzinfeuerzeug, ein Satellitentelefon, einen Bunsenbrenner, einen Propeller, ein Laptop mit Internetanschluß, ein Igluzelt, ein einen bis minus 40 Grad wärmenden Schlafsack, Tütensuppen, Instand-Kartoffelbrei, eine Flasche Rotwein, Spikes, eine Rakete, einen 20-Liter-Wasserbehälter, ein Kopfkissen, eine Sonnenbrille mit UV-Schutz und ein Reisetagebuch mit Stift und Radiergummi.
„Das soll ich alles mitnehmen? Ist es etwa das, was ich für dich tun soll?“ fragte Peter fassungslos.
„Quatsch, wir suchen das Notwendige davon für dich heraus.“
„Nein, danke. Ich brauche nichts mehr.“
„Wohl doch beim Sturz was abgekriegt.“ konstatierte Wilfried.
Peter schwieg. Dann entfuhr ihm ein großer, großer Seufzer. Wilfried bekam Mitleid.
„Soll ich Dir verraten, wer Schniffel ist?“
Peter schwieg.
„Schniffel ist ein Hausschuh. Ein schwarz-weiß-karierter Bierholer. Er hat auch hier im Laden gestanden und ist eines Tages für Messner gekauft worden. Das weiß ich aber nur,“ Wanderschuh wies motivierend auf sein Funkgerät „weil wir uns damals ausgerüstet hatten.“
„Lucinda hat aber kein Funkgerät und das ist auch egal.“
„Das ist überhaupt nicht egal.“
„Ist es doch.“
„Blödmann.“
Peter schwieg.

„Also so geht das nicht.“ Wanderschuh war sauer. „Ich guck jetzt einfach nach, wie Mimöschen gebaut bist.“ Er fing an, an Peters Absatz rumzufummeln.
„Lass das!“ rief Peter, nun auch sauer.
„Sag mal, hast du sie nicht mehr alle? Wir müssen rauskriegen, wie dein Absatz aufgeht, sonst läuft hier gar nichts mit Ausrüstung und Lucinda und so. Einen hohlen Absatz hat nicht jeder!“
„Ja, ich weiß, nur die ganz billigen.“
„Ne, nur die ganz raffinierten, Herr Puttenkaiser. Hast du etwa noch nie was von Absatzchancen gehört?“ Wilfried war nicht so doof, wie man jetzt glaubt, aber er fand, dass das ein gutes Fangwort war.
„Chancen?“ Peters Stimme bekam das Timbre, dass sich Wanderschuh erhofft hatte und kam in Fahrt: „Es gibt richtig dicke, wichtige Bücher über Absätze. Aber nur über die, die auch Zukunft haben. Und du hast einen davon, so wie ich. Rate doch mal, wie wohl der Absatz von Hugo war.“
„Massiv?“
„Genau, massiv Gummi.“
„Lindgrünes Gummi?“
„Mit hundehaufenfarbenen Verunreinigungen.“
„Wie verdautes Chappi.“
„Was richtig gut riecht, wenn es beim Auskacken in Verbindung mit Sauerstoff gerät.“
Peter fing an zu würgen „Hör auf, mir wird schlecht!“
Wilfried grinste: „Also laden wir jetzt ein?“
„O.k.“
„Du nimmst das Handy mit und den Kartoffelbrei.“
Peter untersuchte nun selber seinen Absatz und fand einen kleinen Stift, der sich fast unsichtbar von der Seite in den Absatz bohrte. Schmerzlos natürlich. Als er ihn heraus zog, öffnete sich die Absatzklappe. Wilfried sah befriedigt zu und stopfte unter „Wonderful, its so wonderful!“ das Handy und den Kartoffelbrei in den Freiraum hinein.
„Mach wieder zu.“
„Stopp, was ist mit dem Propeller?“
Wilfried blickte auf sein Sortiment. Den Propeller hatte ein 42er weinrotes Ballettschuhimitat mit abgerundeter Samtkappe und Twistbügel vergessen. „Nimm ihn mit.“
Peter packte ein und schloss seinen Absatz. „Und wie geht’s jetzt weiter?“
„Wenn du draußen bist, kannst du mich immer über das handy erreichen. Ich kriege jeden Tag eine Menge mit, und da sind bestimmt auch mal Nachrichten von Lucinda dabei.“
„Danke. Und was darf ich für dich tun?“
Wanderschuh zog ein adressiertes und frankiertes Couvert hervor und überreichte es Peter feierlich. „Ich weiß, es ist unwahrscheinlich, dass du das hinkriegst, aber würdest du diesen Brief bitte für mich einwerfen?“
„Was steht denn da drin?“
Wilfried antwortete nicht gleich.
„Du musst es mir nicht erzählen.“
„Es geht um Schniffel und mich.“
„Seid ihr verliebt?“
„Der Brief ist an die Frau gerichtet, die Schniffel für Messner zum Namenstag gekauft hat. Es ist Reinholds alte Tante Edelgard. Ich finde, ich bin das nächste passende Geschenk für ihn.“
Peter zögerte mit dem Kommentar, denn er konnte diesen Gedanken ganz und gar nicht teilen. Dann fragte er vorsichtig: „Bist du dir da ganz sicher? Du bist zwar ein ganz toller Wanderschuh und echt ein Superkerl, aber meinst du nicht auch, dass Herr Messner eventuell vielleicht schon ein ausreichendes Sortiment deiner Sorte besitzen könnte?“
„Darum geht es ja gerade!“
„Worum?“
„Messner zieht Tante Edelgards Bierholer nur an, wenn sie da ist. Aus purer Tantenachtung und Höflichkeit. Ansonsten steht Schniffel in der Schuhkammer. In die will ich auch!“
„Du willst gar nicht wandern?“
„Sehe ich so aus?“ Wilfried lachte. „Ab und zu werde ich natürlich ein bisschen arbeiten, wenn die Tante da ist, im Garten rumgehen und so, aber sonst werde ich mir ein schönes Leben mit Schniffelchen machen.“
„Und was steht in dem Brief?“
„In dem Umschlag ist ein Werbeprospekt über mich, das habe ich selbst gemacht. Mein Equipment steht auch komplett drin. Tantchen Edelgard kommt todsicher!“
Peter staunte. „Wow, nicht schlecht. Und das mit der Schuhkammer ist ja echt der Gipfel.“
„Jetzt hast du´s kapiert.“
„Was machen wir morgen?“
„Halt nur die Luft an, wenn ich es Dir sage!“

Mittlerweile war es spät geworden. Peter schaute in das Licht der Straßenlaterne. Vor ein paar Stunden hatte Lucinda ihm noch gegenüber gestanden. Wo sie jetzt wohl war und wie es ihr wohl ging? Würde er sie wieder sehen? Ja. Er war froh, Wanderschuhs Bekanntschaft gemacht zu haben.
„Karl, bist du noch wach?“ rief er leise nach oben. „Karlovy!“
Stille.


5

Die Morgensonne schien auf die ausgefahrenen orangefarbenen Markisen vor den Fenstern des Schuhgeschäftes und tauchte den Verkaufsraum erneut in ein warmes, dämmriges Licht.
Belinda schloss die Tür auf und entdeckte beim Zurückschlendern, dass Peter in Reihe 45 stand.
Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, wie er dort hingekommen sein konnte und hievte ihn wieder an seinen alten Platz zurück.
„Moin Karl!“
„Guten Morgen – na, wie wars bei Spezialo-Wanderschuh?“
„Wonderful.“
„Ach, echt?“ Karl war erstaunt.
„Du glaubst nicht, was der alles drauf hat und du rätst nie, was ich hier drin hab!“ Peter tippte an seinen Absatz.
„Haschisch?“
„Viel besser: Kartoffelbrei, einen Propeller und ein handy.“
„Wofür denn Kartoffelbrei?“
Erst jetzt fiel Peter auf, dass er Wonderschuh gar nicht danach gefragt hatte. „Wenn ich mal irgendwo Hunger kriege, kann ich ihn mir heiß machen. Ist irre praktische Instantware.“
„Wahrscheinlich schmeckt der auch so irre.“ Karl wurde spöttisch.
„Ist doch egal.“
„Ist es nicht. Der einzig gültige Kartoffelbrei ist nämlich selbst gemachter aus Kartoffeln aus dem eigenen Garten. Der Brei darf nicht komplett durchgemöllert sein, es gehört ein Stückchen Butter dran, eine Prise Muskat und frisch gehackte Petersilie obendrauf!“
„Ach, Wilfried hat sich bestimmt was dabei gedacht. Der ist schlau.“
„Wenn das so ist, kannst du ja statt Butter Schuhwichse nehmen und das Handy als Garnierung.“
Peter schielte zu Karl rüber, war der etwa gekränkt? „Wir sind doch Freunde?“
„Sind wir?“
Peter rückte etwas näher an Karl heran. „Ich würde mich sehr freuen.“
„Und dein toller Wanderschuh?“
„Ist auch mein Freund und damit nun auch deiner. Wanderschuh kann echt viele Dinge. Aber eins kann er nicht.“
„Was denn?“
„Er kann nie und nimmer mein Karlovy sein.“
Karl seufzte. „Danke, das hast du schön gesagt.“
In diesem Moment betrat ein junger, sehr sympathischer Mann mit kurzen, dunklen Haaren den Laden. Er war schlank und etwa einen Meter achtzig groß. Er trug eine hellblaue Jeans, ein weißes, frisch gebügeltes Hemd und ein dunkelanthrazitfarbenes, legeres Sakko.
„Guten Morgen!“ Belinda rauschte ihm entgegen. Toller Typ.
„Guten Morgen.“
„Was kann ich für Sie tun?“ Lächeln!
“Ich habe einen Tipp bekommen, dass Sie hier sehr schöne Herrenschuhe haben sollen.“
„Stimmt. Sie tragen Größe 43?“ Fachkompetenz ausgespielt.
„43.“
„Für welchen Anlass, wenn ich fragen darf? Doch nicht etwa Ihre Hochzeit?“ Zaunpfahl.
„Nein, nein, für eine private Semesterfeier heute Abend, aber es muss schon etwas schicker sein.“
„Schwarz?“ Stilsicherheit demonstriert.
„Gerne.“
Belinda ging elfengleich auf Peter zu.
„Jetzt ist es soweit, Kumpel, das sag ich Dir.“ raunte Karl.
Peter wurde dem Herrn vorgestellt: „Ganz neue Kollektion. Leicht und unglaublich bequem. Was ist denn das für eine Feier?“ Flötenstimme.
„Zweites Staatsexamen – Jura.“
„Viel gebüffelt, was?“ Einfühlvermögen.
„Kann man wohl sagen.“ der Jurastudent zog Peter an, stand auf und ging zum Spiegel. „Gefällt mir spontan sehr gut und passt auch prima, besonders zu mir.“
Ich! Belinda geriet bei diesem Bekenntnis ins Träumen.
„Wenn der zweite auch so gut sitzt, nehme ich den, könnte ich den bitte mal haben?“
„Gehen Sie alleine hin?“
„Könnte ich auch bitte mal den zweiten haben?“
„Oh, Verzeihung, natürlich.“ Vermasselt.
Belinda verschwand errötet. Während sie fort war, ging der junge Mann mit Peter am Fuß zum Herrenregal, um sein Augenmerk noch einmal auf Reihe 43 zu werfen.
„Karl,“ rief Peter nach oben, „ich nehm den jetzt, wenn der mich nimmt – ich muss weg, wegen Lucinda!“
„Ja, ich weiß!“
„Ich wünsch Dir einen Rentner!“
„Und ich Dir Glück!“
Da kam Belinda auch schon sachlich aufgeräumt zurück. Der Student probierte Peter II. und ging kurz hin und her. Er nahm zwar unterschwellig wahr, dass der eine Schuh etwas schwerer zu sein schien als der andere, aber sagte: „Perfekt. Die nehme ich.“

So trafen sich also Peter und Peter II. im Karton wieder und wurden mit einem Schwung über die Theke aus dem Laden getragen. Es war Peter nicht mehr möglich gewesen, Wilfried Auf Lebewohl zu sagen, aber er hatte ja zum Glück das handy.
Die Freude über das Wiedersehen im Karton war groß. Unter ständigem Schaukeln quasselten die beiden Peters ununterbrochen miteinander – auch aus dem Lager gab es zu erzählen – und als Peter an seinem Spiegelbruder fröhlich demonstrierte, wie einfach sich so ein Absatz öffnen lässt, fanden sie zu ihren großen Verwunderung zwei zusammengefaltete Papiere. Das eine war ein kurzes Schreiben von Pjotr: „Alle lieben Wünsche für euch, meine beiden, und viel Glück mit der Beigabe – vielleicht kann sie Euch einmal behilflich sein. Euer an euch denkender Pjotr.“ Nach einem kurzen Andachtsschweigen versuchten sie hektisch, das zweite Papier auseinander zu falten, aber der Karton war dafür zu klein.


6

Weil die Zeit nicht mehr reicht, um ausführlich weiter zu berichten – ich will gleich mit Schniffel und Wilfried Fernsehen gucken - erzähle ich nun nur noch kurz, wie die Geschichte weiterging.
Also, wie es die glückliche Fügung wollte, sahen sich Peter und Lucinda noch am selben Abend auf der Semesterparty wieder. Natürlich hatte der Käufer von Peter, er hieß Johannes, von der Schwedin, sie hieß Morle, den Tipp mit Fronweins bekommen. Am Abend tanzten Johannes und Morle miteinander erst Walzer, dann Swing und am Ende Tango. Genau in dieser Reihenfolge entwickelte sich auch die Zuneigung, ach, was sage ich Zuneigung - das Feuer! - zwischen Peter und Lucinda. Später am Swimmingpool, wo die beiden nebeneinander von ihren Trägern abgestellt wurden, gestanden sie sich ihre Liebe. Wie es in dieser Nacht unterm Bett weiterging, hat uns nicht zu interessieren. Peter II. und Lucinda II. hingegen beließen es bei einer herzlichen Freundschaft.
Nach dem Fest musste Morle für einige Monate in das niederländische Roosendaal. Johannes wollte sie dort so schnell wie möglich besuchen. Leider kam es anders. Johannes hatte unerwartet ein Praktikum in Luzern anzutreten. Zum Glück hatten Peter und sein Spiegelbruder aber inzwischen das große Papier aus dem Absatz von Peter II entfalten können, eine Europakarte! So konnten sie sich zum einen eine Vorstellung von der Entfernung Schweiz – Niederlande machen, sie konnten aber auch feststellen, dass, sollte Johannes sich entschließen, vor der Reise nach Luzern noch seinen Bruder in Karlsruhe zu besuchen, es von dort eine direkte Verbindung nach Rosendaal gab: den Rhein. Die Chance!
Hier kam Wilfried wieder ins Spiel, der ja per handy immer mit Peter in Kontakt stand. Er schickte Johannes eine fingierte SMS aufs handy “Treffen uns am Rheinstrandbad Rappenwört, 23. August 2002. 13.00 Uhr“. Wilfried kann einfach alles. Johannes fuhr nach Karlsruhe, mit den Peters. Natürlich war niemand Bekanntes da im Rappenwört, aber es war sehr heiß, das wusste Wilfried aus der Wettervorhersage. Als Johannes wie geplant nahe am Ufer des Rheins seine Schuhe auszog, nahm Peter die Gelegenheit wahr und schmiss sich in die Fluten.
Ich glaube, in der Nähe von Koblenz hat er etwas von dem Instant-Kartoffelbrei gegessen. Das meine ich, weil Wilfried irgendwann mal sagte, Peter sei gerade wohl etwas schlecht.
Als wir dann das Bild von Peter im Internet sahen, Bonn Beuel, Januar 2003, haben wir uns riesig gefreut! Da hat er eine längere Verschnaufpause gemacht. Im Mai 2003 ging er in Roosendaal an den Strand und flog mit Hilfe des Ballettschuh-Propellers direkt zu Lucinda. Wo die genau war, wusste natürlich wieder Wilfried.

So, in zwei Minuten fängt der Film an. Noch schnell dies: Johannes und Morle heirateten im September 2005, weiter unten auch Peter und Lucinda. Die Bilder ihres ersten Kinderschuhs schickten sie per Email an Pjotr. Dessen Büro hat mittlerweile Photos seiner Familie auf dem Schreibtisch und das 5. Stockwerk erreicht. Karl treibt sich am Fuße eines deutschen Rentners mit viel Geld in Karls- und Franzensbad herum und ist dort glücklich mit einer Dame namens Marie liiert. Tante Edelgard war auf Wilfrieds Werbepost hereingefallen und hatte ihn wirklich Reinhold zum Geburtstag geschenkt. Wie es bei Fronweins so läuft, interessiert mich nicht sehr, aber Wilfried hat noch Kontakt, z.B. zu einem Flipflop. Was aus Hugo geworden ist, weiß keiner. Und ich, ich bin Tante Edelgards Besucherhausschuh, weinrot mit rosa Puschel, hinten offen. Da sie immer seltener kommt, haben Schniffel, Wilfried und ich hier in der Schuhkammer ein wunderschönes, entspanntes Dasein. Wir sind stets gut informiert und haben viel zu lachen - bis uns der Restmüll scheidet.

Im Übrigen - das weiß ich von Peter - ist der Rhein voll von Schuhen, die diese gefährliche Reise nur aus Liebe wagen. Und nicht nur der Rhein. Viele Schuhe machen sich z.B. ab Rotterdam über die Meere auf den Weg nach England oder gar nach Amerika. Einer hat es vermutlich schon bis nach Westindien geschafft. Aber da muss ich Wilfried noch mal fragen.

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